Artikel aus dem TAGESSPIEGEL vom 21.9.2005

Am Anfang war der Topf
Ein Besuch beim Literarischen Kinderquartett
VON KERSTIN DECKER

Marcel Reich-Ranicki trägt eine Zahnspange. Sein weißer Rollkragenpullover ist ein einziger Misstrauensantrag gegen den sommerblauen September. Marcel Reich-Ranicki ist elf Jahre alt und ziemlich weiblich: Saskia, Gastgeberin des "2. Literarischen Kinderquartetts" im Literaturhaus Berlin. Bücher sind viel zu wichtig, um sie Erwachsenen zu überlassen.

Sigrid Löffler und Iris Radisch gibt es jetzt gleichzeitig. Eine Frau gegen meist drei Männer war ohnehin feige. Elisabeth und Karolin sind groß, blond und schön und schauen mit der ganzen Überlegenheit ihrer fortgeschrittenen dreizehn Jahre wehrhaft ins Publikum: Neben ihnen harrt in leicht defensiver Haltung Hellmuth Karasek: Giora Khen ist zwölf. Aber die Frisur stimmt ungefähr.

Und dann ist da noch Jana-Kira. Grünes langes Kleid, gelbes Kopftuch, traumverlorener Madonnenblick, elf Jahre alt. Jana-Kira hat „Wolfs Bruder" gelesen; die Geschichte eines Steinzeitjungen, der seinen Steinzeitvater sterben sieht. Sie mag diesen Jungen, der sich plötzlich ganz allein wiederfindet im Wald seiner Kindheit. In Elisabeths und Karolins Blick steht längst eine stille frühpubertäre Steinzeitverachtung. Aber Jana-Kira merkt das nicht. Bis eben war der Junge Torak ein Teil des Waldes, jetzt ist er zum ersten Mal wie fremd darin. Genau wie das wehrlose Wolfsjunge, das Torak findet. Mein Mittagessen!, denkt Torak noch, denn in der Steinzeit gibt es Aldi noch nicht: Da wechselt das Buch in die Perspektive des Wolfsjungen. Das gefällt Jana-Kira im langen grünen Kleid besonders gut. Ines Radisch II wiegt zweifelnd den Kopf. Wald, Steinzeit und Wolfsjunges? Ist nicht so mein Thema, sagt sie. Karolin Löffler im schulterfreien Top fügt an, dass das ewige Töpfemachen im Buch doch etwas nervt. Einmal geht ja noch, aber... Elisabeths Pro-Steinzeit-Madonnenblick wird tiefer. Sie könnte jetzt sagen, dass der erste Mensch ein Keramiker war. Ohne Töpfe keine Menschen. Was wissen die beiden großen Blonden schon von der Menschwerdung des Menschen durch die Töpfe? Elisabeth hüllt sich in widerständlerisches Schweigen. Giora Karasek hilft ihr. Er findet das Töpfemachen ganz okay, aber ist da nicht ein bisschen viel erfunden in "Wolfsbruder"? Genau, immer diese Geister und Seelen, wirft Elisabeth Radisch ein. „Ist auch nicht so mein Ding!" - Aber "erfunden" sei das falsche Wort.

Für die frühen Menschen waren selbst Steine lebendig. Zu spät. Das Schicksal von "Wolfsbruder" ist entschieden. Zu viele Töpfe!

Karolins Lieblingsbüch heißt "Gregor und die graue Prophezeihung". Gregor und seine Schwester fallen eines Tages in einen New Yorker Lüftungsschacht, direkt in die Unterwelt, wo sie bemerkenswerten Riesenkakerlaken, Riesenratten und Riesenspinnen begegnen. Karolin spricht die Worte Kakerlaken, Ratten und Spinnen mit großer Tapferkeit aus, aber Karasek II. wischt sie mit einer Handbewegung vom Tisch: Ein bisschen viel Fantasy in diesem Fantasy-Buch. Das ist Jana-Kiras Augenblick. Jetzt wird sie ihren töpfernden Steinzeitjungen rächen. In einem Fantasy-Buch, urteilt die Elfjährige mit großer Festigkeit, könne gar nicht zu viel Fantasy drin sein. Karasek II. ist einen Augenblick lang überrascht. Eigentlich hatte er nur die beiden blonden Superliteraturfrauen für eine Bedrohung gehalten. Aber die begehen eine typisch mädchenhafte Unvorsichtigkeit. Elisabeth gibt zu, sich vor Spinnen und Kakerlaken zu ekeln, aber neuerdings denke sie in kritischen Momenten an Gregor im Spinnenreich und... Sag' ich ja, fällt ihr Karasek ins Wort, ist doch mehr ein Buch für Mädchen! Tosender Beifall im Saal.

Vor einem Jahr saß die Bibliotheks-Freundin Hanna Stiefel wie jeden Sonnabend mit zwei weiteren Mitgliedern desFreundeskreises der StadtbibliothekCharlottenburg-Wilmersdorf im Cafe am Savignyplatz. Hanna Stiefel gehört zu den Menschen, für die ein Leben ohne Bücher lediglich eine Verfallsform organischer Existenz darstellt. Bücher sind unsere Fenster zur Welt, heißt ihr Lieblingssatz. Mit Sorge sah sie immer mehr Kinder fast fensterlos groß werden. Da kam ihr die Quartett-Idee. Schüler aus ganz Berlin zwischen zehn und 13 durften sich bewerben fürs "Quartett". 25 wurden ausgewählt. Sie machten in den Sommerferien genau das, was sie ohnehin getan hätten. Sie lasen.

Am liebsten hätten alle 25 jetzt dort gesessen, wo das Quartett debattiert. In freier und geheimer Wahl haben sie die Besten ausgesucht. Nicht nur die Kritiker, auch die Vorleser. Denn in jedem Vorleser steckt selbstverständlich ein geheimer Kritiker. Max Jambor, dreizehn, tritt ans Mikrofon, spricht ein "Na super, schon wieder so ein langweiliges Mädchenbuch!" und beginnt mit großer Distanz und umso wirkungsvoller aus Karolins hocherotisch-ironischem Lieblingswerk "Die Erde, mein Hintern und andere dicke Sachen" von Carolyn Mackler zu lesen. Karolin musste lachen und weinen über „Die Erde, mein Hintern...". Karasek-Ranicki-Khen gibt zu, dass es ihm genauso ging: Weinend vor Langeweile habe er es gelesen und dann lachend gegen die Wand geworfen.

Die beiden Superfrauen schauen nachsichtig-überlegen auf den beifallüberhäuften Mitkritiker: Was wissen Jungen in dem Alter schon über Mädchen?

 

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